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Vor 20 Jahren: Landschaft des Jahres „Odermündung“ – was ist geblieben?
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Foto: Ingeborg Pint

von Ingeborg Pint
In den Jahren 1993 und 1994 war die an der deutsch-polnischen Grenze gelegene Odermündung „Landschaft des Jahres“ der Naturfreunde Internationale (NFI). Für den 17. Mai 2014, also 20 Jahre nach dem offiziellen Ende des NFI-Projektes, hatten einige führende Mitglieder der damaligen Projektgruppe zu einem Erinnerungstreffen geladen.

Dieser Einladung sind etwa 25 der seinerzeitigen Akteurinnen und Akteure gefolgt, allen voran Herbert Brückner, Ehrenpräsident der NFI und damals Projektleiter der Landschaften des Jahres der NFI. Ich selbst war zu dieser Zeit im NFI-Büro in Wien für die Landschaft des Jahres zuständig und habe daher gerne die Gelegenheit genutzt, diese Region wieder zu besuchen.

Zentraler Programmpunkt des Treffens war die Begehung der Brücke über den Torfkanal in Kamminke/Wydrzany, direkt an der Grenze zwischen Deutschland (Insel Usedom, Bundesland Mecklenburg-Vorpommern) und Polen (Einzugsgebiet der Stadt Świnoujście/Swinemünde).

An dieser Stelle wurde im Mai 1993 bei der Eröffnungsveranstaltung der Landschaft des Jahres, nach Überwindung immenser administrativer Hürden, eine provisorische Brücke gelegt, die den polnischen VeranstaltungsteilnehmerInnen ermöglichte, auf dem kürzesten Weg den Proklamationsort zu erreichen. Die deutschen und internationalen Gäste konnten im Anschluss an die offizielle Veranstaltung innerhalb eines zeitlich streng festgelegten Rahmens nach Świnoujście/Swinemünde und zurück wandern, wonach die Brücke – eigentlich ein Steg – sofort wieder abgebaut wurde.

Die Naturfreunde hatten sich damals vorgenommen, „diese Brücke immer wieder neu aufzubauen, so lange, bis sie eines Tages definitiv bleiben könnte“: so wurde es von Herbert Brückner 1993 formuliert, als eine der Zielvorstellungen für den Forderungskatalog der Landschaft des Jahres.

Die Brücke ist nun tatsächlich, nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen im Laufe der Jahre, dank deutsch-polnischer Kooperation und EU-Mitteln fix verankert – für Fußgänger und Radfahrer, die sie auch eifrig nutzen, wovon wir uns während unseres kurzen Aufenthalts überzeugen konnten. Die zwei Eschen, die 1993 zu beiden Seiten der Grenze gepflanzt wurden sowie der Gedenkstein erinnern immer noch an die Proklamationsveranstaltung der Landschaft des Jahres.

 

Die Landschaft des Jahres als Ideengeber
Nicht alles, was durch die Landschaft des Jahres angestoßen wurde, ist so sichtbar wie die Brücke in Kamminke/Wydrzany. Dennoch sprechen „Zeitzeugen“ von vielen wichtigen Initialzündungen zum richtigen Zeitpunkt, zum Beispiel in den Bereichen Tourismus, Verkehr, Natur- und Umweltschutz.

Es habe damals dieses Engagement gebraucht, diese Anstöße für grenzüberschreitende Arbeit in einem historisch sensiblen Gebiet, und es sei gut und wichtig gewesen, dass diese Anstöße von einer internationalen Organisation kamen – zu einem Zeitpunkt, da die „Mauern“ zwischen Ost- und Westeuropa noch nicht lange gefallen waren.

Nachdem die nach Abschluss des Projekts Landschaft des Jahres gegründete Stiftung Odermündung Verein für nachhaltige Entwicklung e.V. im Jahr 2007 ihre Arbeit abgeschlossen hatte, wurden viele der Naturfreunde-Zielsetzungen von Behörden, Verbänden, Vereinen und Initiativen aufgegriffen und vertieft. So wirkt die Arbeit der Naturfreunde zum Beispiel bei den Inselfreunden Usedom, der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Vorpommern e.V., dem Transnationalen Netzwerk Odermündung e.V.und anderen Organisationen weiter, in denen noch einige MistreiterInnen der Landschaft des Jahres aktiv sind.

Sieht man davon ab, dass an der Ostseeküste der Insel Usedom in den berühmten Seebädern in Massentourismus-taugliche Angebote investiert wurde, kann man feststellen, dass im Hinterland der Küste und im Gebiet des Oderhaffs die Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus im Großen und Ganzen erfolgreich verlaufen ist.

Vieles was die Naturfreunde mit der Landschaft des Jahres damals wollten, ist jetzt selbstverständlich. Die Bäderbahn und der Bäderbus auf der Insel Usedom, das Fahrradverleihsystem Usedom-Rad, das die Erschließung des Hinterlandes der Ostseeküste ermöglichet, die zwei- und dreisprachigen Infotafeln bei Natur- und Kultursehenswürdigkeiten, des Weiteren die nachhaltige Ausrichtung des Fischereiwesens sind nur einige Beispiele. Es gibt Beschreibungen von Radwanderrouten über die Insel Usedom  in polnischer Sprache, erarbeitet von der polnischen Naturfreundeorganisation PTTK und herausgegeben von der Stadt Świnoujśćie, auch einen Radwanderführer für Świnoujście und Umgebung in deutscher Sprache.

Dass die Region im Sinne der Ideen und Vorschläge der Landschaft des Jahres den richtigen Weg eingeschlagen hat, beweist auch die Verleihung des Tourismuspreises „EDEN Award 2010“ an das Projekt „Vorpommersche Flusslandschaft“, in einem Gebiet, das teilweise mit dem der Landschaft des Jahres 1993/1994 Odermündung zusammenfällt. Die Europäische Kommission zeichnet mit dem EDEN Award aufstrebende und wenig bekannte Reiseziele als „European Destination of Excellence“ (EDEN) aus.

Nicht alle Entwicklungen sind grenzüberschreitend verlaufen, aber, wie Renate Hilbert von den Naturfreunden Greifswald sagt, „eine Barriere ist verschwunden, und Menschen können zueinander kommen, weil es für beide Seiten praktisch und wünschenswert ist“.

Aktuell führen die Naturfreunde die Landschaft des Jahres 2013/2014 Oberrhein durch. Dabei „wollen die Naturfreunde neben den echten, verbindenden Brücken über den Fluss auch gedankliche Brücken schlagen und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und den Austausch insbesondere in den Bereichen Umwelt, Nachhaltiger Tourismus und in der Zivilgesellschaft langfristig fördern“ – dass das gelingen kann, beweist das Beispiel der Landschaft des Jahres Odermündung, auch noch nach 20 Jahren.

 

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