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Wie der Zirkus in die Berge kam. Die Alpen zwischen Idylle und Rummelplatz
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Karl Stankiewitz, begeisterter Wintersport- und Bergfreund, stellt mit seinem Buch 2012 ein Kompendium seines journalistischen Lebens als „Alpinjournalist“ vor. In chronologisch geordneten Kapiteln hat er seine Berichte und Reportagen, die er zwischen 1953 und 2000 geschrieben hatte, und mit Zahlen bis 2009 neu zusammengestellt.

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Karl Stankiewitz
Verlag: Oekom
€ 22,95
ISBN-10: 3865813100

Er gibt mit seinen Texten nicht nur ein Beispiel für die touristische, sondern auch die journalistische Erschließung der Alpen. Seine Arbeiten sind nicht nur sentimentale Erinnerungen, sondern bieten auch einen Einblick dazu, warum gerade nach dem zweiten Weltkrieg die Alpen eine so zentrale Rolle für technische Fortschrittserprobung, massentouristische Erschließung und einer bruchlosen Weiterführung von Idealen und Ideologien spielten. Auffällig ist die dramatische Sprach- und Wortwahl, welche die Erschließung der Alpen als kriegerischen Akt darstellen: „Erschließung an allen Fronten“ (S.19), „das durchbohrte Gebirge“ (S. 33), „Österreich immer voran“ (S. 57), „Kampf um die Rotwand“ (S. 93), „Sturm um stille Höhen“ (S. 96), „Nachrüstung“ (S. 155), „Sudelfeld unter Beschuss“ (S. 164), „Palmen und Pulver“ (S. 175) und damit nicht nur einer olympischen, sondern auch der aus dem zweiten Weltkrieg bekannten Ideologie des Immer Höher, Immer Weiter, Immer Größer sprachlich folgen. Auffällig sind aber auch die sprachlichen Bezüge zu alten Mythologien, die seit den 1930er Jahren immer wieder in der deutschsprachigen Rezeption auf die Alpen zu finden sind: Der Mythos der Himalaya-Erschließung wirkt auch noch in den 1950er Jahren fort und bilden die Grundlage für den neuen Schitourismus in den Alpen. Der Straßenbau befördert nicht nur den Sommer- und Wintertourismus, sondern beschleunigt auch die Verbindung von Bergerlebnis und Mittelmeer. Die Superlative folgen als logische Konsequenz: Sport und Events, Olympia, Eros und Musikshows, Gaudi und Schizirkus und vor allem viel Geld gestalten die modernen Visionen des „Reiches der Freude“ (S. 115). Stankiewitz sieht mit den Jahren auch Bilanz über die zerstörerischen Konsequenz eines solchen Zugangs und er schreibt mehr und mehr über die „Natur in Not“ und den „Boden, (der) leidet“ und er stellt Fragen nach einer Zukunft, die er in der „Abrüstung“ (S. 223) sieht. Hier kommen die CIPRA und die Umweltorganisationen in den Blick, die Koalitionen um National- und Naturparke, sowie Projekte und Initiativen wie die Via Alpina und die Allianz in den Alpen.

Lesenswert ist das Buch vor diesem historisch-kritischen Hintergrund, weniger allerdings aus historischem Interesse zur Entwicklungsgeschichte des Alpentourismus. Denn dazu sind die Texte leider zu oberflächlich lektoriert und verwirrend überarbeitet und machen es dem (nachgeborenen) Leser / der Leserin schwer, der Chronologie und den vorgetragenen Infor-mationen zu folgen: so z.B. ist zu lesen, dass das Zillertal 37.000 Gästebetten, 4,5 Millionen Übernachtungen jährlich und 25 Musikkapellen hat und sich seit 1979 als „aktivstes Tal der Welt“ bewirbt. Aus welchem Jahr aber stammen die Gästezahlen oder die Information, dass „20 Millionen Mark bisher“ (so zu finden auf S. 67) für Lifte verbaut wurden? Welche Relevanz haben diese Zahlen für eine Reflexion im Jahr 2009, oder einer Publikation im Jahr 2012, wenn auf der nächsten Seite (S. 68) zum gleichen Tal folgende Informationen zu finden sind: „Mitte der 1980er Jahre weist das ‚aktivste Tal der Welt’ auf: 35.000 Gästebetten, 25 Hallenbäder, 30 Saunen, 29 Solarien, 319 Kilometer geräumte Winterwanderwege ... und nicht zuletzt 30 Diskotheken“ (ebd.) und dass seit 2008 Schifahrer an einer Ralley mit auto-matischer Höhenmessung teilnehmen können. Beispiele dieser Art sind leider durchgehend zu finden. Der Wert dieser Zusammenstellung liegt deshalb weniger in den Fakten, sondern eher in dem Kompendium und dem Plädoyer eines Zeitzeugen des Alpintourismus, der abschlie-ßend zur „Wachsamkeit“ (S. 295) aufruft.

Nun ja. Vielleicht liegt es an meiner Generation, aber ich wünsche mir mehr Fachpublikationen entweder zu konkreten Umsetzungen der Alpenkonvention oder analytische Beiträge zur historisch-kritischen Aufarbeitung der heillosen Verstrickung von nationaler Propaganda, einer Blut und Boden Ideologie und dem modernen Alpentourismus.

Margit Leuthold
 

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